Am 16. November verstarb im 88. Lebensjahr Professor Dr. med. Henning Brandis, emeritierter Ordinarius für Medizinische Mikrobiologie und Immunologie und von 1967 bis 1984 Direktor des gleichnamigen Instituts der Universität Bonn.

Henning Brandis wurde am 17. Juli 1916 als Sohn eines Juristen geboren. Schon in der Kindheit und Jugend entwickelte er eine ausgeprägte Beobachtungsgabe für die Pflanzen- und Tierwelt, studierte dann Medizin in Frankfurt/Main und Marburg, und diente, nach Staatsexamen und Promotion 1942, in den letzten drei Kriegsjahren als Sanitätsoffizier. 1945 begann er als Assistent von H. Schloßberger im Hygiene-Institut der Universität Frankfurt und habilitierte sich 1952 mit einer Arbeit Über die Promunität (Depressionsimmunität). Bald faszinierten ihn aber die Bakteriophagen; das sind Viren, die Bakterien infizieren und beliebte Forschungsobjekte in der aufstrebenden Molekularbiologie waren. Er fand heraus, daß man mit Hilfe einer Serie unterschiedlicher Bakteriophagen Typhusbakterien von verschiedenen Patienten unterscheiden kann und daß man mit dieser sog. Phagentypisierung ("Lysotypie") bakterielle Infektionsquellen und Infektketten aufklären und somit weitere Infektionen verhüten kann. Diese Entdeckung führte 1957 zur Berufung auf den Lehrstuhl für Hygiene an der Universität Göttingen. Dort konnte die Phagentypisierung weiterentwickelt und auf Paratyphus- und Enteritis-Erreger sowie Staphylokokken ausgedehnt werden.

1967 erfolgte die Berufung nach Bonn, der er gerne nachkam, weil hier die Medizinische Mikrobiologie durch Abtrennung von der Hygiene erweitert werden sollte. Trotz der Intensität, mit der er sich seiner Forschung widmete, war Brandis immer aufgeschlossen für die breite Entwicklung seines Faches und sah, daß inzwischen neben der Virologie auch die Immunologie schnell an Bedeutung gewann. So wurde das in Bonn übernommene Institut zu einem Institut für Medizinische Mikrobiologie und Immunologie, und die schon 1959 in Göttingen ins Leben gerufene Virologie integrierte er in das Bonner Institut. Damit standen die Laboratorien neben der Forschung auch für ein breites Spektrum der diagnostischen Krankenversorgung zur Verfügung.

Brandis´ spezielles wissenschaftliches Interesse galt jetzt den Bakteriocinen, einer Gruppe von heterogenen antibiotisch wirksamen Proteinen, die von Bakterien produziert werden und nahe verwandte Bakterien abtöten, während der produzierende Stamm selbst einen Schutzmechanismus dagegen entwickelt. Sie sind weit in der Bakteriologie verbreitet und offenbar für die Zusammensetzung der normalen Bakterienflora im menschlichen Organismus von Bedeutung. Aufgrund ihrer Spezifität konnten sie auch zur Typisierung unterschiedlicher Stämme von Ruhr-Bakterien und den wegen ihrer Antibiotika-Resistenz gefürchteten Wundeiter-Erregern Pseudomonas aeruginosa genutzt werden.

Die große Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten von Henning Brandis imponiert durch ihre Konsequenz und Klarheit. Dem großen Kreis seiner Mitarbeiter war er immer ein gerechter und hochgeachteter Chef, den Studenten ein geschätzter akademischer Lehrer und zahlreichen Doktoranden ein erfahrener Lehrmeister. Viele Jahre lang war er Herausgeber der Zeitschrift für Immunitätsforschung, der späteren Immunobiology, und das von ihm seit 1978 bis 1994 in vier Auflagen herausgegebene Lehrbuch Medizinische Mikrobiologie gilt als Standardwerk dieses Faches.

Es versteht sich von selbst, daß ein Mann von seiner Bedeutung und Besonnenheit hohe Ämter in der Fachgesellschaft bekleidete und zahlreichen Beiräten und Kommissionen von Staat, Wissenschaft und Universität angehörte und daß dies 1976 mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse und 1983 mit der Ferdinand-Cohn-Medaille belohnt wurde. Nicht selbstverständlich ist es aber, daß er bei alledem nichts von seiner liebenswerten Bescheidenheit einbüßte, und ein Wunder ist es, daß er noch Zeit fand, seinem Hobby, der Botanik, besonders der Aufzucht von seltenen Orchideen nachzugehen.

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